Auf Spurensuche in den Schlössern und Gärten von London, Kent, Surrey und Sussex

Herrenhausen – Kensington – Kew Gardens – Hampton Court - Chartwell - Penshurst - Hever – Sissinghurst – Riverhill – Rodmell – Windsor - Wisley

 

“Leise, bitte, Ladies and Gentlemen”, sagte die nette junge Hofdame mit weißem Häubchen und weitem Kleid mit ebensolchen weißen Rüschenärmeln. „ Seine Majestät König Georg I. erscheint in wenigen Augenblicken zu einer Audienz mit seinem Sohn, dem Prinzen von Wales, Georg August.“

Wir standen in einem der stattlichen, hohen und luxuriös eingerichteten State Rooms, der Queens Gallery, im Palast von Hampton Court, lauschten den Worten unserer Reiseleiterin und staunten über kunstvolles Mobiliar, aufwändige Gobelins und opulente, farbenprächtige Gemälde an Wänden und Decken. „Bitte, treten Sie etwas zurück und – bitte – sprechen Sie nur, wenn Seine Majestät Sie dazu auffordert.“

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Hampton Court. Georg I - Georg II und Ministerpräsident Walpole
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Hampton Court. Hofdame und Georg I
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Hampton Court. Hofdame, Georg I, Walpole und Georg II beim Kartenspiel

Eine Tür in der Wand wurde geöffnet, ein Bediensteter verkündete: „Seine Majestät, der König!“ Durch die Tür schritt würdig, aber mit derbem Tritt ein ebenso derb aussehender älterer Mann mit brauner Allongeperücke, Gehrock und Dreispitz. Georg der Erste seines Namens. Ihm folgte ein Politiker, vermutlich Premierminister Walpole, der dem König bedeutete, dass sein Sohn, der Prince of Wales, ein Schreiben übergeben wolle, um den Streit zwischen ihm und seinem Vater zu beenden und um wieder mit seiner Frau Caroline an den königlichen Hof zurückkehren zu dürfen. Nun, der Prinz wurde vorgelassen und durfte sein Unterwerfungsschreiben übergeben. Der König nahm es, starrte auf das Papier, blickte auf und sagte auf Deutsch: „Ach, das kann ich gar nicht lesen! Was steht da?“ Ja, der Hannoveraner Georg hatte so seine Schwierigkeiten mit Land und Leuten und der englischen Sprache.

Nun, man übersetzte es Seiner Majestät, der Vater war gnädig, Vater und Sohn, oder besser König und Prinz, umarmten sich, der Familienfriede war wieder hergestellt. Und dann interessierte sich königliche Hoheit für die Besucher, für uns, und fragte, wo man denn herkomme. Aus Hannover, antwortete jemand. „Oh, aus Hannover!!!“ freute sich Majestät Georg, oder zu hannöversch Schorse, musste dann allerdings als Schauspieler auf das heimatliche Englisch zurückgreifen. Sein Minister rettet ihn aus dieser prekären Sprachsituation, indem man ins Nebengemach zum Kartenspiel bat.


Schlösser, Paläste, Parks und Gärten. Spuren der Welfen aus Hannover, Erinnerungen an Heinrich VIII., Anna Boleyn, an Victoria und Albert, das Haus Coburg-Gotha, das sich 1917 in Windsor umbenannte. Eine Reise in die Geschichte, die sich in den Steinen der Paläste und in den Blumen, Hecken und Bäume der Gartenanlagen widerspiegelt. Eine Kultur- und Gartenreise.

Bereits Hampton Court, ein Palast, den Kardinal Wolsey „freiwillig“ an Heinrich VIII. abtrat, lädt in seine vielfältigen „Gartenräume“ ein, denen sich eine weitläufige Parkanlage anschließt, die zur Hälfte vom blaugrünen Band der Themse umschlungen wird. In einem speziellen Glashaus steht der wohl größte Weinstock der Welt.

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Hampton Court. Haupteingang im Tudorstil
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Werbung für das "Georgsfestival"
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Hampton Court. Teil der "Gartenräume"
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Hampton Court. Gartenräume 2
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Hampton Court. Reisegruppe auf der Schlossterrasse

Wer London zuletzt vor etwa zwanzig Jahren besuchte, der hat es schwer, sich in dem heutigen Stadtbild zurechtzufinden. Die alten ehrwürdigen Häuserzeilen der City werden überragt und bedrängt von gläsernen Wolkenkratzern, spitz, kugelig und eiförmig und von Büroblocks, die mit ihrer Nüchternheit in starkem Kontrast zu den klassischen Fassaden der beiden letzten Jahrhunderte stehen. Reizvoll, manchmal aber auch erschreckend. Geblieben aber sind die öffentlichen Parks und Gärten durch die wir wanderten, die die Traditionen des Landes bewahren. Der St. James Park mit seiner Landschaftsidylle, die breite prachtvolle Allee The Mall, Buckingham Palace, der Green Park mit seinen weiten grünen Rasenflächen auf denen sich Jung und Alt lagerte, spielte und erholte - all das ist eingebettet in das weite Londoner Häusermeer.

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London. Bürgermeisterresidenz
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London Skyline
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Tower of London & The Shard

 

Etwas weiter „draußen“, am westlichen Ende des Hyde Parks, am Kensington Palace, verlor man sich nahezu in Garten- und Parkanlagen, bevor das Schloss von „William & Kate“ erreicht wurde, das einst auch Residenz der „letzten“ Welfin Victoria und ihres Alberts war. Die mächtige Prinz-Albert Hall hatten wir als Ausgangspunkt unseres Ausflugs in die Geschichte gewählt.

 

Ein Kleinod besonderer Art ist das kleine, fast unscheinbare rot-braune Schlösschen Kew Palace, ein Lieblingssitz von Georg III. Geradezu bescheiden, mit holländischen Ziergiebeln, einem hübschen kleinen Garten hinter dem Haus und einem Küchengarten für den Eigenbedarf. Jenseits einer Straße die Themse. Und davor die weiten Garten- und Parkflächen von Kew Garden, in denen zwei gewaltige Glastreibhausanlagen wie gerade gelandete Raumschiffe liegen, von denen eines derzeit vollständig überholt wird.


 

Unsere Reise in das Gartenreich führte uns nach Süden, nach Surrey, Sussex und Kent, dem Garten Englands. Eingebettet in die grünen Hügelketten der Northern und Southern Downs liegen pittoreske Dörfer und Städtchen – und Schlösser mit ihren Gartenanlagen, in den farbenprächtige Blumen und Stauden jeglicher Art inmitten gepflegter Eiben-Hecken, oder Taxus baccata, das Auge erfreuen. Und immer wieder Rosen.

Penshurst. Eine Schlossanlage, die in das 15. Jahrhundert zurückreicht, in das uns eine lebhafte Dame des Hauses wortgewandt bei der Führung durch Säle und Zimmer versetzte, bis sie uns über die Terrasse in den Garten entließ. Penshurst ist Sitz der Sidney Familie, zu deren Vorfahren auch Robert Dudley, der Favorit von Elisabeth I. gehörte, und Charles Brandon, der Herzog von Suffolk, ein Freund Heinrichs VIII., oder der Onkel des Schriftstellers Percy Bysshe Shelley, Sir John Bysshe-Shelley.

Unterhalb der Terrasse erstreckt sich der italienische Garten, dessen Heckenbeete mit hauptsächlich Rosen „Queen Elisabeth und „New Dawn“ bepflanzt sind. Nebenan die „Heckenräumen“ sind verschwenderisch mit Rosen, Iris, Lavendel, Päonien usw. „möbliert“, und vielfarbige Staudenbeete säumen die Wege. Eine Besonderheit, beinahe ein Kuriosum, ist die riesige britische Flagge, gestaltet aus roten, weißen und blauen Blumen.

 

Hever Castle. Ein Kleinod aus der Tudor-Zeit, renoviert und erweitert von Johann Jakob Astor. Hier wuchs Anna Boleyn auf, die zweite Frau Heinrichs VIII. Man nähert sich ihm von einem Hügel, der erkennen lässt, dass ein Wassergraben das Schlösschen umgibt. Rote und weiße Rosen ranken an den rauen, rotbrauen Backsteinen der Mauern empor und spiegeln sich im grünlichen Wasser des Schlossgrabens.

Unter einer zierlichen Holzbrücke, die eines Monets würdig wäre, schwimmt majestätisch ein weißer Schwan. Hinter hohen Hecken öffnet sich der italienische Garten, der zu einem See führt und dort mit einem barocken Pavillon und Steinbögen mit Kaskadenbrunnen abschließt.

Sissinghurst Castle. Mit dieser weitläufigen Schloss-Gartenanlage hat es eine besondere Bewandtnis. Hier lebte und arbeitete das Ehepaar Harold Nicolson, Schriftsteller und Diplomat und Vita Sackville-West, Poetin und Gärtnerin. Beide gestalteten seit 1930 die arg heruntergekommene Anlage aufs Neue. In mühevoller Kleinarbeit schufen sie ein Kleinod der Gartenkunst, das sowohl streng geordnete Gartenräume umfasst als auch locker gestaltete Landschaftselemente. Die verbliebenen elisabethanischen Bauten geben dem Ganzen sein romantisches Gepräge, und man lässt sich gern auf eine blumenreiche Entdeckungsreise ein, deren Mittelpunkt der Doppelturm ist, in dem Vita ihr Arbeitszimmer hatte, wo sie schrieb und wo man von einer Plattform zwischen den Türmen einen wundervollen Blick auf den Garten und die weite Landschaft von Kent hat.

Als wir als Abschluss einen Blick in die sicherlich sehenswerte Bibliothek werfen wollten, fanden wir die Eingangstür weiträumig abgesperrt. Direkt über der Tür hatte sich gerade ein Schwarm Bienen niedergelassen. So musste dieser Bereich zur Sicherheit für die Gäste geschlossen werden. Die Natur hatte ihr Recht eingefordert.


 

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Chartwell House - Landsitz von Winston Churhill
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Chartwell House - Churchills Landsitz - Garten und Downs
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Chartwell House - Churchills Rosen

Riverhill, Sevenoaks, Kent. Eine Erfolgsgeschichte, und sie beginnt mit einer Katastrophe. In der Nacht vom 15. Oktober 1987 zerstörte der „Große Sturm“ Garten und Wald und es brauchte viele Jahre und viel Geld, um den 1840 von der Familie Rogers erworbenen Grundbesitz wieder in Stand zu setzen, eine Aufgabe, die noch heute der Familie obliegt. Die Hausherrin empfing uns und entließ uns in die fachkundige Obhut ihres Obergärtners Guy Chatten. Man spürte, was ihn umtrieb: Die Möglichkeit, einen alten Garten und ein Arboretum wieder herzurichten und dabei neu zu gestalten. Hier war kein perfekter Garten, noch nicht. Aber was für den Gärtner so reizvoll war, wurde auch für den Besucher zu einer Zeitreise. Das Alte wieder sichtbar, das Neue erkennbar machen. Eine Vision nachvollziehen.

Ceray, unsere Busfahrerin, jonglierte ihren Dreiachsenbus gekonnt von der engen, mit Hecken gesäumten Landstraße im spitzen Winkel hinunter auf den Parkplatz von Monk´s House, Chartwell. Premierminister Churchills Landsitz. Kein Zögern, keine Vor- und Zurück. Einfach nur vorwärts. Wir hielten den Atem an. Ceray lächelte locker.

Churchill hatte mit der Wahl dieses Ortes, der nicht weiter als eine Stunde von seinem Arbeitsplatz in London entfernt sein sollte, wieder einmal das richtige Gespür bewiesen. Ein Stück Landschaft nannte er sein Eigen. Ein Taleinschnitt. Wiesen, ein Bach, Teiche. Jenseits des Tales Wald, sein Haus oben am Hang mit weitem Ausblick in den Garten Kent. Und wieder Rosen, die er auch gemalt hat, unten in seinem Studio, dessen Wände bedeckt sind mit seinen Gemälden.


Georg IV., nicht unumstritten als Lebemann, Dandy und Geldverschwender, hatte sich in Brighton mit dem Royal Pavilion ein Baudenkmal gesetzt, mitten in der Stadt und in Sichtweite des Meeres. Außen indisch, innen chinesisch. Luxus vom Feinsten. Ein merkwürdiger Anblick inmitten der ansonsten englischen Architektur ringsum. Dagegen wirkte die ehrwürdige Seebrücke mit Restaurants, Casinos und Freizeitpark beinahe „landestypisch“.

Unsere nächste Station nach dem exotischen Palast-Besuch war Monk´s House in Rodmell. Hier wohnten und arbeiteten Virginia und Leonard Woolf. Ein hübsches Dorf mit einer ganz eigenen Bauweise. Das Woolfsche Haus erschien eng, mit niedrigen Decken, unprätentiös, unscheinbar. In Gruppen von etwa sechs Personen schlängelte man sich durch die Räume und dann wieder hinaus in den Garten, dem sich weiter hinten, vor einer Kirchhofsmauer und der Dorfkirche ein ausgedehnter Küchengarten anschloss. Und dort befindet sich auch ein kleines Gartenhaus, schlicht, unauffällig. Beinahe nicht mehr als eine Holzlaube. Hier schrieb Virginia Woolf ihre Bücher. Eine Fußnote wert: Virginia hat über längere Zeit eine Liaison mit Vita Sackville-West.

 

Noch einmal zurück zur Küste, der Steilküste, zu den Sieben Schwestern, einer fotogenen Steilklippenfolge, wie man sie üblicherweise von Dover kennt. Auch an dieser Stelle wird Groß- Britannien jedes Jahr ein Stück kleiner. Wind und Wellen und die Witterung sind unerbittlich.
In Eastbourne zog noch einmal eine historische Seebrücke unseren Blick und die Fotolinsen auf sich.
Das aber sind jetzt schon historische Erinnerungen und Fotos. Die 144 Jahre alte Seebrücke brannte am 30.7.2014 teilweise ab.

Sieht man von den vielen Blumen auf dem kleinen, etwas verwilderten Friedhof der All-Saints Kirche in Tudeley/Tunbridge, Kent ab, dann hatte dieser Besuch nichts mit Gärten zu tun, war aber dennoch ein Höhepunkt der Reise. Diese kleine Dorfkirche ist die einzige Kirche weltweit deren sämtlichen Glasfenster von Marc Chagall stammen. Wir haben sie erleben dürfen.

Im RHS (Royal Horticultural Society) Garden Wisley schien all das zusammengefasst zu sein, was wir auf unserer Reise durch die Gärten von Kent, Sussex und Surrey gesehen und erlebt hatten, in Farben, Formen und Düften. „Wenn es in Wisley wächst, wächst es überall“ sagt eine Gärtnerweisheit. Hier wird gepflanzt, gehegt, gezüchtet, experimentiert und präsentiert. Auf einem schier unendlichem Gelände, dessen Mittelpunkt eine Treibhausanlage ist, in dem auch die Tropenzonen der Welt vertreten sind. Wohl einmalig: Das unterirdische Wurzelzentrum, ein Lernzentrum, in dem man die Wunderwelt der Wurzeln kennenlernt. Und noch ein Lernzentrum für Pflanzen gab es – für vornehmlich Kinder. Und die strebten zuhauf dorthin. Lärmende, fröhliche Schulkinder in ihren gleichfarbigen Uniformen. Überhaupt: Her ging es überall um Erleben, Staunen, Lernen. Kinder, Erwachsene, junge Mütter mit Kinderkarren, Familien. Ein Tag würde nicht reichen.

Eine Binsenweisheit: Jede Reise hat ein Ende. Die unsrige schloss mit einem Schloss: Windsor. Mächtig und gewaltig, die St. Georgs-Kapelle ein architektonisches Highlight, die State Rooms prächtig ausgestattet. Hier wohnte auch Georg III mit Frau und dreizehn Kindern, und Georg IV ließ kostenträchtig umbauen und restaurieren.

Der Garten am Ostende des Schlosses ist sicherlich sehenswert. Allein, wir sahen ihn nicht.
Es war Wochenende, und Frau Königin war zuhause und wollte bitte nicht gestört werden.
Zurzeit Georg III. war der Garten für die Bevölkerung geöffnet, und Georg mit Familie wandelte inmitten seiner Untertanen, freundlich grüßend. Sagt man.

Sagt nicht auch in Herrenhausen eine Steintafel von 1777 am Prinzentor:

Jedermann ist erlaubt sich im königl. Garten eine veränderung zu machen.

Übrigens: Unsere Gartenreise begann in einem Garten, im Herrenhäuser Garten, mit anschließender Führung durch die Ausstellung im Schloss. Unter der sachkundigen Leitung von Herrn Wichert, dem ehemaligen Gartenmeister. Besser vorbereitet konnte man diese Reise nicht beginnen.

Jürgen B. Hartig
August 2014

 


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